Lohner L 200 Superroller

Als wir uns vor Jahresfrist mit dem Rollerproblem beschäftigten, vertraten wir die Meinung, daß beim Roller ebenso wie beim Motorrad das Volksfahrzeug 200 ccm haben müsse, man kann auch 7 bis 9 PS dazu sagen. Damals war im internationalen Rollerbau noch wenig von der Aufwärtsentwicklung zu sehen, 125 ccm waren das ungeschriebene aber beherrschende Hubvolumen. Inzwischen tut sich da und dort allerhand.

Der Galetto von Moto-Guzzi ist nicht allein geblieben, das Maicomobil mit seiner Anlehnung an das Motorrad und der "Kreuzer" von Ducatti kamen in Serie, von den kleineren Produzenten ganz zu schweigen. Heute stehen wir vor dem Lohner 200, der somit in die allerorts erkannte Lücke im Rollerbauprogramm vorstößt. Man soll aber diese Vergrößerung der Rollermotoren nicht falsch auffassen, wenn es beim Motorrad der 500 Twin auf 24 bis 32 PS bringt, so wird sich der Roller nie dessen bedienen. Das Motorrad steht dem Sport näher, der Wirtschaftlichkeit und mit 8 PS im Bauch wird er schon leistungsfähig sein und doch noch zu den kleinen betriebsbilligen Fahrzeugen gehören.
  
   

Wir haben in Österreich den R 125 von Puch schätzen gelernt, der in sehr großen Serien herausgebacken wird. Dementsprechend niedrig ist der Preis und von einem Erzeugerwerk, das Roller in kleineren Serien für Liebhaber baut, nicht zu unterbieten. Das ist auch der Grund, warum Lohner gar nicht die Anstrengung macht, ein besonders billiges Fahrzeug auf die Beine zu stellen, sondern daß man sich in Floridsdorf ganz richtig bemüht, Komfort zu bieten, und das scheint wahrhaftig gelungen zu sein.

Die S 13.200,--, welche der L 200 kostet, sind so zu erklären, wenn auch der neue Lohner damit nicht zum Volksfahrzeug werden kann, so ist ihm der Kreis der anspruchsvollen Fahrer sicher. Dem hohen Anschaffungspreis stehen sehr niedrige Betriebskosten gegenüber, und damit holt er sich außer den Liebhabern auch jene scharfen Rechner, die hohe jährliche Kilometerleistungen erreichen.

 

Daß man sich bei Lohner im Hinblick auf Komfort wirklich angestrengt hat, ist leicht zu beweisen. Nicht mit der Hinterradfederung, mit dem fußgeschalteten Vierganggetriebe oder den guten 8 PS soll das belegt werden, sondern mit Leerlaufkontrolle, Steckdose für Suchlampe, 30 W Lichtleistung, Tachobeleuchtung, neue Vollnabenbremsen, 12,5 Liter im Tank, Sitzbank, Fernthermometer, Windschutzscheibe (die drei letzteren gegen Aufzahlung) wird dieses Bestreben ersichtlich. Der L 200 ist als Lastesel gebaut, denn er kann mit einem Beiwagen geliefert werden und ist dann gut für drei Personen und Gepäck. Aber nicht genug dessen, gibt es eine Variante mit Lieferkiste, der man 200 kg (!) aufbürden darf.

Bitte keine abfälligen Bemerkungen wegen 200 ccm und drei Personen mit Gepäck, hier der Gegenbeweis: Rund 52 kg/PS vollbeladen gegen die 59 kg/PS einer vollbeladenen DKW-Reichsklasse! Das heißt nüchtern betrachtet, der L 200 ist als Lasttier immer noch lebendiger als der kleine DKW. Wem das kein wirtschaftliches Fahrzeug für die Familie (Vater, Mutter und zwei Kinder unter 10 Jahren) darstellen sollte, dem kann nicht mehr geboten werden.
 
   

 Und damit, nämlich das Familienwanderfahrzeug und als stark belastbares Liefergespann, macht der Lohner den hohen Preis restlos wett. Im Beiwagenbetrieb erreicht er die Nenndrehzahl bei 73 km/h; er wird sich wohl - daß ist eine reine Schongangübersetzung - mit dauernden 60 km/h sehr wohl fühlen und anstandslos eine solche Reisegeschwindigkeit erlauben. Aber das scheint für den geplanten Zweck voll ausreichend. Noch nicht genug, es kommt eine L-200-Rikscha mit drei Rädern. Zwei Personen vorne und zwei Personen am Roller oder entsprechende Lasten! Das Monosdreirad in neuer Auflage.

Gehen wir jetzt auf die Einzelheiten los und nehmen wir uns zuerst den Motor vor. Er stammt von Rotax, hat einen Flachkolben, Schrägstromumkehrspülung und Gebläsekühlung. Seine Leistung wird mit 8,3 PS bei 5000 U/min und einer Verdichtung von 1 : 6,5 angegeben. Das ist eine Leistung, die man heute technisch voll und ganz beherrscht, die keineswegs auf die Spitze getrieben ist und mehr als 80 km/h solo garantiert. Die Schmierung erfolgt wie gewohnt durch Benzin-Ölgemisch (1 : 25). Der Kraftstoffverbrauch wird mit 3 Liter je 100 km angegeben, und das müßte nach unserem Empfinden bei ca. 55 km/h gleichbleibend zu halten sein, mit Beiwagen wird man an die 20 % - unter sonst gleichen Bedingungen - zulegen müssen. Dem Motor ist das Getriebe so geschickt angeflanscht, daß man von einem forschönen, glatten Blockmotor sprechen würde, wenn man nicht in den Eingeweiden kramt.
 
   

Die Sekundärkette liegt in einem Schutzkasten, so wie es sich für ein anständiges Fahrzeug gehört. Die Übersetzungsstufen 4,98 - 7,24 - 10,68 - 18,9 ergeben bei Nenndrehzahl 84 - 58 - 39 - 22 km/h in den einzelnen Gängen, und das ist zweifellos glücklich gewählt. Der L 200 hat keinen Rohrrahmen, sondern eine Preßblechkarosserie wie die bisherige kleine Type. Allerdings schafft jetzt die Gebläsekühlung einen wesentlichen Vorteil, außerdem hat man beiderseits durch große abnehmbare Deckel den Motor leicht zugänglich gemacht.

Vorne wird eine Schwingarmfederung (gezogenes Rad) mit Schraubenfedern und progressivem Gummianschlag eingebaut, hinten hat man sich für eine rein gummigefederte Schwinggabel entschieden. Beide Räder sind wie gesagt mit Vollnabenbremsen, und zwar in beachtlicher Dimension ausgerüstet. Übrigens wird auch das Beiwagenrad von Schwingarmen getragen, das Boot selbst ist mit Gummi elastisch befestigt. Als Reifen werden solche der neuen Semperit-Dimension 4,00-10 verwendet. Diese haben 18 Zoll Außendurchmesser, sind also praktisch so groß wie die 3,25-12 des Puch-Rollers (18,5 Zoll außen) und bieten neben der größeren Tragkraft bessere Rutschfähigkeit. Damit läßt sich aber nicht vereinbaren, daß es M & S (Matsch und Schnee) -Reifen sind. Was man sich da bei Semperit wohl gedacht hat? M & S sind in aller Welt besonders grobstollige Profile für Sonderzwecke, aber nie Universalreifen. Wir lassen uns überraschen ...

Der Tank weist 12,5 Liter auf (hurra, wir können 10 Liter nachtanken) und hat einen Reservehahn. Noch einige Zahlen: Lenkerbreite 69 cm (warum wohl?), Sattelhöhe 79 cm, Radstand 140 cm, Gewicht 130 kg, zulässiges Gesamtgewicht solo 320 kg (das reicht schon beinahe für die Patleichs). Soweit, so gut. Wir werden noch einige Bilder des L 200 nachbringen, dann den L 200 testen und sind heute schon sehr sehr neugierig darauf ...